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Olga Hildebrandt

Die Kunst, keinen Schlusspunkt zu setzen

Warum wir manchmal lernen müssen, mit offenen Fragen zu leben

Nicht jeder Kampf muss gewonnen werden. Doch vielleicht gibt es noch etwas Schwierigeres: Nicht jede Sache braucht einen Abschluss.
Unser Geist mag Ungewissheit nicht besonders. Er möchte verstehen, was passiert ist. Er möchte wissen, wer recht hatte. Er möchte gehört werden, eine Erklärung bekommen oder wenigstens das Gefühl haben, dass eine Geschichte zu Ende erzählt ist.
Deshalb führen wir manchmal Gespräche in Gedanken weiter, die in Wirklichkeit längst vorbei sind.
Wir überlegen, was wir noch hätten sagen können. Wir warten auf eine Antwort, die vielleicht nie kommt. Auf eine Entschuldigung. Auf Anerkennung. Auf den Moment, in dem der andere endlich versteht, was er uns angetan hat.
Und solange wir darauf warten, bleibt ein Teil unserer Aufmerksamkeit bei dem, was vergangen ist.

Der Wunsch nach einem Ende

Vielleicht kennen Sie das: Eine Beziehung ist beendet, ein Streit liegt lange zurück oder ein Mensch hat sich von Ihnen abgewandt. Trotzdem taucht die Situation immer wieder auf.
„Warum hat er das gemacht?“
„Warum hat sie mich nicht verstanden?“
„Was hätte ich noch sagen müssen?“
„Was wäre gewesen, wenn …?“

Der Wunsch nach einer Antwort ist verständlich.
Aber manchmal gibt es diese Antwort nicht.
Manchmal wird der andere nicht mehr erklären, was geschehen ist. Manchmal kommt die Entschuldigung nicht. Manchmal werden wir nicht die Anerkennung bekommen, die wir uns gewünscht haben.
Das anzunehmen kann schmerzhaft sein.

Was geschieht, wenn wir aufhören, auf den Schlusspunkt zu warten?

Vielleicht verändert sich etwas, wenn wir nicht mehr versuchen, eine offene Geschichte unbedingt zu Ende zu bringen.
Nicht weil das Vergangene plötzlich unwichtig wäre.
Sondern weil wir aufhören, unser gegenwärtiges Leben von einer Antwort abhängig zu machen, die vielleicht niemals kommt.
Dann kann die Frage langsam eine andere werden:
„Was ist jetzt?“
Nicht: Was hätte sein müssen?
Nicht: Was hätte der andere tun müssen?
Sondern: Was geschieht gerade in meinem Leben?

Offenlassen ist nicht dasselbe wie Verdrängen

Eine offene Geschichte bedeutet nicht, dass wir etwas schönreden müssen.
Manchmal war etwas verletzend. Manchmal wurde eine Grenze überschritten. Manchmal ist eine Beziehung zu Ende und es ist richtig, dass sie zu Ende ist.
Es geht nicht darum, die Vergangenheit ungeschehen zu machen.
Es geht darum, nicht immer wieder in Gedanken an dieselbe Tür zurückzukehren und darauf zu warten, dass jemand von der anderen Seite sie endlich öffnet.
Vielleicht können wir eine Tür auch offenlassen, ohne davor stehenbleiben zu müssen.

Freiheit braucht nicht immer eine Antwort

Freiheit entsteht vielleicht nicht erst dann, wenn alles geklärt ist.
Vielleicht entsteht sie in dem Moment, in dem wir nicht mehr darauf bestehen, dass etwas geklärt werden muss.
Das bedeutet nicht, dass wir keine Fragen mehr haben dürfen.
Es bedeutet, dass wir lernen können, mit einer offenen Frage zu leben.
Nicht jede Geschichte braucht einen endgültigen Schlusspunkt.
Manches darf offen bleiben.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.

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