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Olga Hildebrandt

Wenn die Vergangenheit mit am Tisch sitzt

Warum Paare manchmal nicht über das streiten, worüber sie gerade streiten

Oft kämpfen Paare nicht gegeneinander. Sie kämpfen gegen die Angst, nicht gesehen, nicht geliebt oder nicht sicher zu sein. Und dieser Kampf macht dann den anderen zum Feind.
Ein Paar streitet über eine vergessene Verabredung. Über die Art, wie einer mit dem anderen spricht. Darüber, dass einer zu viel arbeitet, während der andere sich allein gelassen fühlt.
Von außen sieht es aus, als ginge es genau darum.
Doch manchmal ist das, was gerade passiert, nur der Anlass. Im Hintergrund läuft eine andere Geschichte.
Eine Geschichte, die viel älter ist als dieser Streit.

Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte mit sich

Wir erleben die Gegenwart nicht völlig unvoreingenommen. Was wir heute wahrnehmen, trifft auf all das, was wir bereits erlebt haben.
Vielleicht hat jemand als Kind häufig erlebt, nicht gesehen zu werden. Vielleicht musste er um Aufmerksamkeit kämpfen. Vielleicht war Nähe unzuverlässig oder er musste früh lernen, sich selbst zu schützen.
Ein anderer Mensch hat vielleicht erlebt, dass Nähe schnell zu viel wurde. Dass Konflikte bedrohlich waren. Dass es sicherer war, sich zurückzuziehen und nichts mehr zu sagen.
Diese Erfahrungen verschwinden nicht einfach, nur weil wir erwachsen werden.
Sie können im Hintergrund weiterwirken.
Und manchmal werden sie in einer aktuellen Beziehung wieder lebendig.

Dann wird aus dem Partner plötzlich jemand aus der eigenen Geschichte

Der Partner sagt etwas.
Vielleicht sogar etwas ganz Alltägliches.
Doch es berührt etwas.
Und plötzlich ist da nicht mehr nur dieser eine Satz. Da ist das alte Gefühl: Ich bin dir nicht wichtig.
Oder: Ich werde wieder verlassen.
Oder: Ich kann dir nicht vertrauen.
Oder: Ich muss mich schützen.
Der andere erlebt dieselbe Situation aus seiner eigenen Geschichte heraus.
Er hört vielleicht nicht: „Ich brauche dich gerade.“
Er hört: „Du machst alles falsch.“
Oder: „Du kontrollierst mich.“
Oder: „Ich bin schuld.“
Oder: „Egal, was ich tue, es reicht nie.“
Beide reagieren dann auf etwas, das für sie sehr real ist.
Nur muss es nicht die Realität des gegenwärtigen Moments sein.

Die Geschichte im Kopf kann die Gegenwart überlagern

Das ist vielleicht einer der schwierigsten Punkte in Beziehungen:
Wir halten unsere Wahrnehmung für die Realität.
Wenn ich mich zurückgewiesen fühle, erscheint es mir selbstverständlich, dass der andere mich zurückweist.
Wenn ich mich kontrolliert fühle, erscheint es mir selbstverständlich, dass der andere mich kontrollieren will.
Wenn ich mich nicht gesehen fühle, erscheint es mir selbstverständlich, dass der andere mich nicht sieht.
Dabei gibt es einen Unterschied zwischen dem, was tatsächlich passiert, und dem, was unser Kopf daraus macht.
Der andere hat vielleicht tatsächlich nicht angerufen.
Das ist die Beobachtung.
„Du bist dir egal, was mit mir ist“ ist bereits eine Geschichte darüber, was dieses Verhalten bedeutet.
Und diese Geschichte kann sehr alt sein.

So entsteht ein Kreislauf

Das Problem ist: Die eigene Geschichte beeinflusst nicht nur unsere Wahrnehmung. Sie beeinflusst auch unser Verhalten.
Wer Angst hat, verlassen zu werden, fragt vielleicht immer wieder nach.
Der andere erlebt dieses Nachfragen als Kontrolle und zieht sich zurück.
Der Rückzug bestätigt beim ersten: „Siehst du, er geht wieder weg.“
Also fragt er noch stärker nach.
Der andere fühlt sich noch stärker unter Druck und zieht sich noch weiter zurück.
Beide bekommen dadurch immer mehr Beweise für ihre eigene Geschichte.
Und irgendwann scheint festzustehen:
„So ist der andere eben.“
Dabei hat sich zwischen den beiden möglicherweise ein Kreislauf entwickelt, in dem beide aufeinander reagieren und genau das auslösen, wovor sie eigentlich Angst haben.

Der Streit handelt dann nicht mehr wirklich von der vergessenen Verabredung

Die vergessene Verabredung war vielleicht der Auslöser.
Aber plötzlich geht es um etwas ganz anderes:
Bin ich dir wichtig?
Kann ich dir vertrauen?
Bin ich sicher mit dir?
Kann ich mich auf dich verlassen?
Darf ich so sein, wie ich bin?
Diese Fragen werden im Streit allerdings selten ausgesprochen.
Stattdessen kommen Vorwürfe.
Angriffe.
Rückzug.
Rechtfertigungen.
Schweigen.
Und beide versuchen, sich gegen etwas zu schützen, das sich sehr bedrohlich anfühlt.

Was wäre, wenn wir einen Moment innehalten?

Vielleicht beginnt Veränderung dort, wo wir einen kleinen Abstand zwischen dem, was passiert, und dem, was unsere Geschichte daraus macht, entstehen lassen.
Nicht:
„Du machst mich immer unsicher.“
Sondern vielleicht:
„Als du gerade nicht geantwortet hast, wurde ich plötzlich unsicher. Ich habe sofort gedacht, dass ich dir nicht wichtig bin.“
Das ist etwas anderes.
Ich spreche dann nicht mehr ausschließlich über den anderen.
Ich beginne, meine eigene innere Geschichte sichtbar zu machen.
Und damit entsteht die Möglichkeit, gemeinsam hinzuschauen:
Was ist gerade tatsächlich passiert?
Was habe ich daraus gemacht?
Was wurde in mir berührt?
Und vielleicht auch:
Was passiert gerade in dir?

Zwei Menschen – und ihre Geschichten

Eine Paarbeziehung besteht nicht nur aus zwei Menschen.
Sie bringt auch die Geschichten dieser beiden Menschen mit an den Tisch.
Manchmal sitzen dann alte Erfahrungen mit im Raum, ohne dass das Paar es bemerkt.
Das bedeutet nicht, dass alles, was in einer Beziehung schwierig ist, „nur aus der Kindheit“ kommt. Und es bedeutet auch nicht, dass aktuelle Verletzungen nicht real sind.
Aber es kann hilfreich sein, unterscheiden zu lernen:
Was gehört zu diesem Moment?
Was gehört zu meiner Geschichte?
Was sehe ich tatsächlich – und was interpretiere ich?
Denn der Mensch, der uns gegenübersteht, ist nicht automatisch der Mensch aus unserer Vergangenheit.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues:
Wenn wir aufhören, den anderen nur durch die Brille unserer eigenen Geschichte zu sehen, kann er wieder zu dem Menschen werden, der tatsächlich vor uns sitzt.
Und dann muss aus einem Streit nicht zwangsläufig ein Kampf werden.
Vielleicht können zwei Menschen anfangen, nicht mehr gegeneinander zu kämpfen, sondern gemeinsam zu verstehen, was zwischen ihnen passiert.

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