brille, durch die wir die welt anschauen
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Olga Hildebrandt

Die Brille, durch die wir die Welt sehen

Die Brille, durch die wir die Welt sehen

Wir glauben oft, dass wir die Welt so sehen, wie sie ist. Dabei sehen wir sie immer auch durch unsere ganz persönliche Brille.
Diese Brille entsteht aus unseren Erfahrungen: aus dem, was wir erlebt haben, aus Beziehungen, Verletzungen, Erwartungen, Überzeugungen und dem, was wir über uns selbst und andere gelernt haben.
Das bedeutet nicht, dass wir uns die Welt einbilden. Aber es bedeutet, dass unsere Wahrnehmung nie völlig neutral ist.
Ein kleines Beispiel: Ein Mensch schreibt eine Nachricht und bekommt keine Antwort.
Die eine Person denkt: „Er hat gerade keine Zeit.“
Eine andere denkt: „Ich bin ihm nicht wichtig.“
Eine dritte denkt: „Er ignoriert mich absichtlich.“
Die Situation ist zunächst dieselbe: Es kam keine Antwort. Was daraus entsteht, ist jedoch unterschiedlich. Unsere Brille macht aus einer Wahrnehmung eine Bedeutung.

Wenn wir unsere Brille für die Wirklichkeit halten

Besonders in Beziehungen kann das schwierig werden. Eine Frau erlebt, dass ihr Partner während eines Gesprächs schweigt. Sie spürt vielleicht sofort: „Er zieht sich zurück. Er will nichts von mir wissen.“
Der Mann erlebt möglicherweise etwas ganz anderes: Er ist überfordert und braucht gerade einen Moment, um sich zu sammeln.
Beide erleben ihre eigene Wirklichkeit – und beide können vollkommen überzeugt davon sein, dass ihre Wahrnehmung die Wahrheit über den anderen beschreibt.
Dann entsteht schnell ein Kreislauf:
Ich sehe etwas → ich gebe ihm eine Bedeutung → ich reagiere auf diese Bedeutung → der andere reagiert auf meine Reaktion → und plötzlich scheint sich meine ursprüngliche Wahrnehmung zu bestätigen.
Die Brille wird immer stärker.

Die spannende Frage

Vielleicht geht es deshalb nicht darum, unsere Brille loszuwerden. Das können wir ohnehin nicht.
Die interessantere Frage ist:

Kann ich bemerken, dass ich durch eine Brille schaue?
Was habe ich tatsächlich wahrgenommen? Und was hat mein Geist daraus gemacht?
Zum Beispiel:
Beobachtung: „Er hat heute Morgen kaum mit mir gesprochen.“
Meine Geschichte darüber: „Er ist sauer auf mich.“
Meine Reaktion: Ich werde unsicher und ziehe mich ebenfalls zurück.
Wenn wir anfangen, diese Ebenen voneinander zu unterscheiden, entsteht etwas mehr Raum.
Nicht unbedingt sofort eine andere Wahrheit. Aber die Möglichkeit, dass meine erste Interpretation nicht die einzige mögliche Wirklichkeit ist.

Und manchmal wird die Brille durchsichtig

Vielleicht liegt darin etwas sehr Einfaches und gleichzeitig sehr Tiefes:
Wir müssen nicht jede Wahrnehmung bekämpfen und auch nicht jede Interpretation für falsch erklären. Wir können lernen, sie zu erkennen.
„Ah – da ist meine Brille.“
Und vielleicht können wir für einen Moment sehen, ohne sofort festzulegen, was wir sehen.
Das ist auch eine Frage, die mich in der therapeutischen Arbeit immer wieder beschäftigt:

Was geschieht gerade wirklich – und was fügt unser Geist hinzu?
Denn zwischen dem, was geschieht, und dem, was wir daraus machen, liegt oft mehr Raum, als wir zunächst bemerken.

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