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Olga Hildebrandt

Wie gegenseitige Abhängigkeit unsere Emotionen und Kränkungen erklärt

Warum unsere Gefühle im Kontakt mit anderen entstehen und sich verändern können

Wenn wir wütend sind oder uns gekränkt fühlen, scheint unsere Emotion manchmal wie etwas Festes zu sein. Es scheint, als gäbe es ein „Ich“, das verletzt wurde, und einen „anderen Menschen“, der diese Kränkung verursacht hat. Doch die buddhistische Sichtweise der gegenseitigen Abhängigkeit kann diese Betrachtung verändern. Eine Kränkung entsteht nicht einfach unabhängig in einer Person und auch nicht allein durch das Verhalten eines anderen Menschen. Sie entsteht im Zusammenspiel vieler Bedingungen, die miteinander verbunden sind. So lässt sich die gegenseitige Abhängigkeit auf unsere Gefühle im wirklichen Leben übertragen.

1. Die Emotion entsteht im Kontakt

Stell dir vor, ein nahestehender Mensch sagt dir etwas Grobes und du fühlst dich gekränkt. Wo befindet sich in diesem Moment die Kränkung? Sie sitzt nicht einfach in dem anderen Menschen. Seine Worte sind zunächst einmal Worte und Geräusche. Aber sie war möglicherweise auch nicht unmittelbar vorher in dir. Vielleicht warst du eine Sekunde zuvor noch ruhig. Die Kränkung entsteht im Moment des Kontakts – und zwar im Zusammenspiel dessen, was der andere sagt, und dessen, was in dir bereits vorhanden ist. Man kann sich das wie einen Funken vorstellen, der entsteht, wenn Feuerstein und Metall aufeinandertreffen. Der Funke befindet sich weder allein im Stein noch allein im Metall. Er entsteht durch ihr Zusammentreffen. Auch unsere Emotionen können wir auf diese Weise betrachten: Sie sind nicht einfach persönliche „Besitztümer“, sondern entstehen in Beziehung zu unserer Umgebung, zu anderen Menschen und zu dem, was wir selbst mitbringen.

2. Die Verbindung aus „Haken und Schlaufen“

Ein anderer Mensch kann unseren Zustand beeinflussen, weil sein Verhalten auf etwas in uns trifft. Man kann sich das mit einem Klettverschluss vorstellen: Die Worte oder Handlungen des anderen sind die „Haken“. Unsere vergangenen Erfahrungen, Ängste, Erwartungen, unser Stolz oder unsere empfindlichen Stellen können die „Schlaufen“ sein. Wenn ein bestimmter „Haken“ auf keine solche „Schlaufe“ trifft, berührt uns eine Aussage vielleicht kaum. Wenn uns dagegen etwas an eine alte Erfahrung erinnert oder eine Erwartung verletzt, kann dieselbe Aussage eine starke Reaktion auslösen. Das bedeutet nicht, dass die Worte oder Handlungen des anderen keine Bedeutung haben. Es bedeutet vielmehr, dass unsere Reaktion aus mehreren Bedingungen entsteht.

3. Unsere Erwartungen spielen eine Rolle

Oft sind wir nicht nur von dem gekränkt, was ein Mensch tatsächlich getan hat. Wir leiden auch an der Differenz zwischen seinem Verhalten und dem Bild, das wir von ihm haben.
Vielleicht gibt es in uns die Vorstellung: „Er hätte sich so verhalten müssen.“
Der Mensch verhält sich anders. Und plötzlich entsteht Schmerz. Unsere Erwartungen sind dabei nicht die alleinige Ursache unserer Kränkung. Aber sie können wesentlich daran beteiligt sein, wie wir eine Situation erleben und welche Bedeutung wir ihr geben.

Der andere Mensch ist also nicht einfach die unabhängige Ursache unseres Schmerzes. Was zwischen uns geschieht, entsteht aus einem Zusammenspiel seines Verhaltens, unserer Wahrnehmung, unserer Geschichte, unserer Erwartungen und der jeweiligen Situation.

Wie dieses Verständnis unseren Umgang mit Streit verändern kann

Wenn wir die gegenseitige Abhängigkeit erkennen, kann sich unsere Sicht auf einen Streit verändern. Das Bild vom „Bösen“ und vom „Opfer“ wird weniger fest. Der Mensch, der uns verletzt hat, wird dadurch nicht automatisch zum bösen Menschen. Auch er ist von seinen Erfahrungen, seiner Müdigkeit, seiner Stimmung, seinen Ängsten und seinen eigenen Verletzungen beeinflusst.
Und auch wir selbst sind nicht unabhängig davon, was gerade in uns geschieht. Das kann einen kleinen Abstand schaffen.

Anstatt nur zu denken: „Du hast mir diesen Tag verdorben.“ – kann vielleicht eine andere Frage auftauchen: „Was geschieht hier gerade zwischen uns?“
Und vielleicht auch: „Was geschieht gerade in mir?“
Damit verschwindet die Verletzung nicht einfach. Und es bedeutet auch nicht, dass wir alles hinnehmen oder keine Verantwortung mehr haben. Aber wir können beginnen, genauer zu sehen, wie die Kränkung entstanden ist und welche Bedingungen sie aufrechterhalten. Wenn sich diese Bedingungen verändern, kann sich auch das, was zwischen zwei Menschen geschieht, verändern.

Die Welt erscheint dann weniger als ein Ort, an dem ein „gutes Ich“ von einem „bösen anderen“ angegriffen wird. Sie wird zu einem Beziehungsraum, in dem Menschen sich gegenseitig beeinflussen und in dem vieles voneinander abhängt. Vielleicht liegt genau darin eine Möglichkeit, mit unseren Emotionen etwas freier umzugehen: Nicht jede Kränkung muss einen festen Besitzer haben. Und nicht jeder Konflikt muss einen eindeutig Schuldigen haben.

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