Logik der Leerheit – Ursache und Folge
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Olga Hildebrandt

Logik der Leerheit – Ursache und Folge

Wenn ein Paar sich streitet, denken wir schnell: Es gibt eine klare Ursache – zum Beispiel, der Mann hat vergessen, Brot zu kaufen – und eine Folge: Die Frau ist verletzt und wird wütend.
Doch wenn wir genauer hinschauen, ist es oft nicht ganz so einfach. Ein Streit entsteht selten aus einer einzigen, isolierten Ursache.

Warum eine Ursache nicht für sich allein steht

Der Mann hat vergessen, Brot zu kaufen. Erzeugt diese Handlung von selbst einen Streit?
Wahrscheinlich nicht. An einem Tag lacht die Frau vielleicht darüber, am nächsten bemerkt sie es kaum, und an einem anderen Tag wird sie wütend.
Was macht den Unterschied?
Vielleicht ist sie an diesem Tag müde von der Arbeit. Vielleicht gab es schon vorher eine Kränkung. Vielleicht sind beide hungrig oder angespannt. Vielleicht sind alte Verletzungen noch nicht verarbeitet.
Das vergessene Brot steht also nicht für sich allein. Es bekommt seine Bedeutung innerhalb eines ganzen Zusammenhangs.
Aus buddhistischer Sicht könnte man sagen: Das vergessene Brot ist leer von einer festen, aus sich selbst heraus bestehenden Ursache für einen Streit. Erst im Zusammenspiel mit vielen anderen Bedingungen entsteht das, was wir dann als Streit erleben.

Warum die Folge nicht einfach an einem einzigen Punkt entsteht

Wann entsteht die Kränkung der Frau?
Als der Mann ohne Brot aus dem Geschäft kommt? Sie weiß vielleicht noch gar nichts davon.
Als er nach Hause kommt? Die Kränkung ist möglicherweise noch nicht da.
Als sie schreit? Dann ist bereits vieles geschehen.
Die Kränkung erscheint nicht wie ein fester Gegenstand, der an einem bestimmten Punkt entsteht. Sie kann sich aus Gedanken, alten Erinnerungen, körperlicher Müdigkeit, Erwartungen und aktuellen Emotionen entwickeln.
Es gibt nicht unbedingt einen einzigen Moment, an dem der Streit „geboren“ wird.

Ein Streit als wechselseitiger Prozess

Vielleicht lässt sich ein Streit eher wie ein Fluss verstehen:
Der Mann ist müde. → Die Frau macht eine Bemerkung. → Der Mann antwortet gereizt. → Die Frau fühlt sich verletzt. → Sie wird lauter. → Er zieht sich zurück.
Wenn wir genauer hinschauen, ist es schwierig zu sagen, wo genau die eine Ursache und die eine Folge liegen. Jedes Geschehen steht in Beziehung zu dem, was vorher passiert ist, und beeinflusst zugleich, was als Nächstes entsteht.
So entsteht ein Streit aus einem Zusammenspiel verschiedener Bedingungen. Genau darin liegt ein Aspekt dessen, was mit Leerheit gemeint ist: Dinge und Geschehnisse bestehen nicht unabhängig und aus sich selbst heraus, sondern entstehen in Abhängigkeit von anderen Bedingungen. Stanford-Enzyklopädie der Philosophie

Wie dieses Verständnis im Leben helfen kann

Wenn wir einen Streit nur als Ursache und Folge betrachten, suchen wir schnell nach dem Anfang:
Wer hat angefangen? Wer ist schuld? Wer hat was verursacht?
Die Betrachtung der Leerheit kann eine andere Perspektive eröffnen.
Vielleicht gibt es nicht den einen Anfang und nicht den einen Schuldigen. Vielleicht ist das, was gerade zwischen zwei Menschen geschieht, Teil einer größeren Dynamik, in der beide miteinander verbunden sind und aufeinander reagieren.
Das bedeutet nicht, dass alles gleich ist oder Verletzungen keine Bedeutung haben. Es bedeutet vielmehr, dass wir genauer hinschauen können: Welche Bedingungen sind gerade wirksam? Was trägt dazu bei, dass dieser Konflikt immer wieder entsteht? Und was könnte sich verändern?
Wenn wir aufhören, den anderen ausschließlich als Ursache unseres eigenen Erlebens zu betrachten, kann etwas mehr Raum entstehen. Ein Raum, in dem wir nicht nur fragen: „Was hat der andere mir angetan?“, sondern auch: „Was geschieht hier gerade zwischen uns?“
Vielleicht wird dann sichtbar, dass ein Streit nicht etwas Festes ist. Er kann sich verändern, weil auch die Bedingungen, aus denen er entsteht, veränderbar sind.

Und eine kleine Übung dazu: [Wie man einen Streit mit der Logik der Leerheit stoppt].

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